Interview mit Prof. Dr. Ute Stoltenberg über Werte im Konzept einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung

Prof. Dr. Ute Stoltenberg, Leiterin des Instituts für integrative Studien (infis) an der Leuphana Universität Lüneburg, begleitete mit ihrem Forschungsteam das Projekt "Leuchtpol – Energie und Umwelt neu erleben" wissenschaftlich. Am Rande der Leuchtpol-ANU-Fachtagung in Potsdam im Dezember 2010 sprachen wir mit ihr über Werte im Konzept einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung
 
Leuchtpol: Prof. Dr. Stoltenberg, zentrales Thema unserer Fachtagung sind Werte. Kann man Werte überhaupt exakt definieren?
Stoltenberg: Werte sind nicht statisch, sondern werden immer wieder neu erkämpft und ausgehandelt, haben sich historisch entwickelt und sind abhängig von den Lebenserfahrungen der Menschen. Nehmen Sie nur die Geschichte der Menschenrechte. Heute werden uns angesichts globaler Veränderungen der Umwelt und der Lebensbedingungen von Menschen Werte wie Gerechtigkeit unter veränderten Perspektiven bewusst.
 
Welche Werte sind dann im Zusammenhang mit Bildung für eine nachhaltige Entwicklung von Bedeutung?
Nach intensiven Debatten hat sich die Weltgemeinschaft in den letzten 20 Jahren auf einen Werterahmen verständigt, der sich wie folgt benennen lässt: Menschenwürde, Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und Gerechtigkeit für heute lebende Menschen auf der Erde und für zukünftige Generationen. Darüber herrscht ein weitgehender Konsens, und diese Werte bilden auch den Hintergrund von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.
 
Was bedeutet dieses Verständnis für die Arbeit in Kindergärten?
Nach meiner Auffassung hilft ein solcher Werterahmen bei der Arbeit mit den Kindern. Wie wollen wir künftig leben? Wie leben wir nicht auf Kosten anderer, und auch nicht auf Kosten künftiger Generationen? Das sind zentrale Fragen, auf die wir gemeinsam mit Kindern und Eltern konkrete Antworten finden können und sollten.
 
Besteht da nicht die Gefahr der Überforderung aller Beteiligten?
Nein, wenn das Gespräch über Werte gleichberechtigt geführt wird, wenn die Kinder in ihren Auffassungen ernst genommen und wenn die Werte begründet und hinterfragt werden. Ein bloßes „Du musst!“ ist dabei sicher nicht hilfreich. Der Werterahmen wird im Alltag konkret. Aufmerksamkeit für biologische oder kulturelle Vielfalt oder Aufmerksamkeit für Ungerechtigkeiten hinsichtlich der Teilhabe an der Gesellschaft kann man nachvollziehbar für alle entdecken und bearbeiten.
 
Und die Eltern?
Wir sollten die Eltern und ihr Interesse nicht unterschätzen. Die bisherige Evaluation zeigt, dass Eltern bei den innovativen Leuchtpol-Projekten in den Kindergärten in hohem Maße beteiligt sind.
 
Kann man das auch von den staatlichen Vorgaben sagen?
Da ist die Situation sehr heterogen. Manche Bundesländer haben sehr gute Bildungspläne für den Elementarbereich, andere hinken doch noch arg hinterher. Ich bin aber sicher, dass sich –  angestoßen durch die Aktivitäten der UNESCO und jetzt auch durch das Leuchtpol-Projekt – da in den kommenden Jahren einiges tun wird.
 
Wie sieht es mit dem Übergang in die Schule aus?
Im Elementarbereich haben wir die Chance ein Bildungsverständnis zu realisieren, das sich an den Entwicklungschancen der Person orientiert, das Wahrnehmung und Verständnis für komplexe Lebenszusammenhänge fördert und Solidarität und Empathie unterstützt. Es gibt im Grundschulbereich viele gute Projekte, die sich auch am Konzept von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung orientieren. Aber Sorge bereiten mir die Bestrebungen, die schon Kindergärten als Vorbereitung „für Schule“ sehen und sehr auf den klassischen Leistungsgedanken, auf die bloße Anhäufung von Wissen zielen. In allen Bildungsplänen für den Elementarbereich wird die Notwendigkeit der Gestaltung des Übergangs angesprochen – jedoch nicht als innovativer Impuls für Bildungsprozesse.
 
Ein sehr einseitiges Konzept ...
In der Tat werden dabei wichtige Ziele ausgeblendet. Wenn wir gemeinsam mit den Kindern Eigenschaften und Haltungen wie Solidarität, Empathie und Sorge um die Mitwelt entwickeln, betreiben wir echte und nachhaltige Zukunftsvorsorge.
 
Vielen Dank für dieses Gespräch!
 
 

Bildungspläne im Elementarbereich

Das infis-Team um Prof. Dr. Ute Stoltenberg hat untersucht, inwieweit die Bildungspläne der Bundesländer für den Elementarbereich Bildung für nachhaltige Entwicklung berücksichtigen.

 

Kontakt infis

Antje Starke
Institut für integrative Studien
Leuphana Universität Lüneburg
Scharnhorststr. 1
21335 Lüneburg
T 04131 677-1581
E-Mail schreiben

 

Evaluationsergebnisse

Die Broschüre "Leuchtpol aus Sicht der wissenschaftlichen Begleitung – ein Zwischenstand" fasst erste Ergebnisse der Evaluation des Projektes "Leuchtpol – Energie und Umwelt neu erleben" zusammen.